Archiv für November 2007

Einige kurze Anmerkungen…

… zum linken und imperialen Universalismus:

Mark Terkessedis schreibt im Tagesspiegel über den „feministischen Kreuzzug“ ex-feministischer Politikerinnen und ihre seltsamen neokonservativen BundesgenossInnen (via lysis):

Eine Koalition aus Ex-Feministinnen, an der Spitze Alice Schwarzer, bestimmten Organisationen wie Terre des Femmes und einer Reihe von „authentischen“ Gewährsfrauen türkischer Herkunft wie Necla Kelek befindet sich seit einiger Zeit zusammen mit konservativen Politikern und Publizisten auf einem Kreuzzug zur Befreiung der „muslimischen Frau“ aus den Fängen eines unterdrückerischen, islamisch geprägten Patriarchats.

Für Alice Schwarzer war schon nach dem 11. September 2001 alles klar. In dem von ihr herausgegebenen Sammelband „Die Gotteskrieger und die falsche Toleranz“ war die „aufgeklärte Welt“ fast verloren: Lehrerinnen mit Kopftuch, einheimische Islamkonvertiten und der Zentralrat der Muslime, sie alle schienen an einem neuen 1933 zu stricken. Und mit der Unterdrückung der Frau fange es an, meinte Schwarzer.

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Lustig:

Der bergdeutsche Volldepp Innsbronx hält mich für einen Teil einer Truppe die er als „Blogsport-Antiimps“ identifiziert hat. Mit von der Partie:

    Lysis
    Abdel Kader
    Ascetonym

Aber nicht Wendy! An ihrer Stelle wäre ich beleidigt.

Eine kurze Anmerkung…

… zur Konstruktion und Kriminalisierung von Milieus:

SpiegelOnline berichtet heute über die Festnahme eines sogenannten ‚Transvestiten‘ im Elsaß. Dieser soll zwischen 1980 und 2002 18 Menschen umgebracht haben. Polizei und SpiegelOnline gehen davon aus, dass die Mehrzahl seiner Opfer aus einem „homosexuellen Milieu“ stammt. Nun hatte der Begriff des „Milieus“ für mich in den letzten Jahren immer mehr von seiner pejorativen Bedeutung verloren, was vielleicht an seiner Benutzung in der soziologischen Lebenstilforschung liegt. Dort gilt es ja eher als unschick sich keinem Milieu zuordnen zu können, weil es gleichbedeutend mit einem Auschluss aus der „neuen bunten Welt der frei wählbaren Lebenstile“ ist. Diese Milieus sind Aufgrund des auf Marktforschung ausgerichteten Erkenntnisinteresses der Lebenstilforschung ohnehin fast gleichbedeutend mit Konsumgewohnheiten.
Hier aber nun der Milieu-Begriff der ganz gegenteilig funktioniert:
Ein bestimmter Personenkreis wird aufgrund bestimmter tatsächlicher oder vermuteter Praxen oder Eigenschaften vom Rest der Gesellschaft separiert. Die relative Geschlossenheit solcher „Milieus“ regt die Phantasie der interessierten Öffentlichkeit an. Aber nicht nur das, sie zieht auch das Interesse des Staates auf das Milieu. Denn Aufgrund der unterstellten Andersartigkeit der dort versammelten Subjekte, Aufgrund ihrer Verschworenheit ist davon auszugehen, dass herkömmliche Ermittlungsmethoden, wie sie im Rest der Gesellschaft angewandt werden, hier nicht greifen. Zudem scheint abweichendes Verhalten, auch wenn es in einer sich liberal nennenden Gesellschaft nicht strafbewehrt ist, den Verdacht nahe zu legen, dass hier auch Abweichungen zu finden sind an deren Verfolgung die vom Staat repräsentierte Öffentlichkeit ein Interesse hat. Und falls dort tatsächlich Straftaten verübt werden, so ist das immer auch auf die Andersartigkeit des/der TäterIn und des Milieus zurückzuführen. So ist z.B. ein „Mord im Homosexuellen-Milieu“ eben nicht nur ein Mord, sondern ein homosexueller Mord – eine Tat die im unmittelbaren Zusammenhang mit dem homosexuellen Verhalten von Opfer und Täter steht. Und diese Konstruktion erlaubt es zum einen eine ganze Gruppe von Menschen zu kriminalisieren und erlaubt auch rabbiatere Ermittlungsmethoden, zum anderen schreibt es durch die damit verbundene Stigmatisierung die Grenze zwischen Rest-Gesellschaft und Milieu noch einmal fest.

Schöpfungsmythen

Emanzipation oder Barbarei (im weiteren EoB) veröffentlicht ihre/seine Notizen zu einem Seminar mit Andrea Trumann in Göttingen.

Zunächst referiert EoB die Thesen Trumanns zum Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Patriarchat. In Anlehnung an wertkritische Theorien besteht dieser, nach Trumann, über die Formierung eines „kapitalistisch-sexistischen Subjekts“. Um diese Formierung zu erklären bedient sich Trumann einer konstruktivistisch aufgepeppten Variante der kritischen Theorie nach Adorno/Horkheimer: Das kapitalistisch-sexistische Subjekt, also, das männliche Subjekt, ist Produkt einer unter Kontrolle gebrachten „inneren Natur“ und so in der Lage „sich die äussere Natur Untertan zu machen“. Jedoch bringt diese Bewegung des Subjekts zur („scheinbaren“) Identität mit sich selbst jene innere und äussere Natur erst hervor. Die „innere Natur“ des Subjekts die da unter Kontrolle gebracht werden muss besteht aus Trieben, Emotionalität, Naurhaftigkeit, Passivität und ihre Kontrolle ermöglicht den rationalen Zugriff des Subjekts auf die äussere Natur. Im Rückgriff auf die Psychoanalyse bezeichnet Trumann dieses „unter Kontrolle bringen“ als „Ich-Bildung“, die das nicht-identische als „Unbewusstes“ abspaltet. In diesem Prozess konstituiere sich erst „Natur“, alles was im Begriff der „Kultur“ nicht aufgeht werde dorthin verdrängt. In dieser „Identitätslogik“ sieht Trumann so etwas wie ein Strukturprinzip der Moderne: Alles was mit kapitalistisch-sexistischer Subjektivität unvereinbar ist wird als inferiores abgespalten und letztlich mit der beherrschbaren Natur identifiziert. So auch die Sphäre des Privaten von der der Öffentlichkeit, wobei die erstere mitsammt der in ihr geleisteten Reproduktionsarbeit als natürliche Grundlage der letzteren erscheint.

M.E. sind Trumanns Thesen angreifbar.

Das Bild was Trumann zeichnet, nämlich das eines rational-agierenden kapitalistischen Subjekts, müsste, damit es irgendetwas über das Geschlechterverhältnis in der bestehenden Gesellschaft erklären könnte, identisch mit dem Bild von Männlichkeit sein, wie es in der bestehenden Gesellschaft vorherrscht. Ansonsten erklärt Trumanns Theorie vielleicht was ein kapitalistisches Subjekt ist, jedoch nicht warum es notwendig ein Geschlecht hat.
Denn wenn Trumanns These stimmen würde, dann wäre das „männliche“ in dieser Gesellschaft mit der „Kultur“ identisch, das „weibliche“ mit der „Natur“. Überspitzt gesagt: „Männer“ kämen als eine Art „zivilisierte Frau“ vor.
Im Alltagswissen müsste also eine solche Unterscheidung zwischen Kultur und Natur präsent sein. Sonst kann sie nicht Grundlage der Zuschreibungen sein, die an die unterschiedenen Geschlechter gemacht werden. Diese ist aber gerade im Bezug auf das Geschlechterverhältnis nicht präsent. Geschlecht erscheint als etwas vollkommen natürliches. Gerade die männlich attribuierten Eigenschaften, Durchsetzungsfähigkeit, Aggressivität usw. werden ja nicht als Unterdrückung einer „eigentlichen“ Natur von Männern konstruiert, sondern als deren Natur selbst. Auf der anderen Seite gelten weiblich attribuierte Eigenschaften wie Emotionalität, Empathie usw. nun nicht gerade als unzivilisiert oder als Zeichen von kultureller Unterentwicklung. Die gesellschaftliche Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern wird ja gerade mit der angeblichen Natürlichkeit der ihnen jeweils zugeschriebenen Eigenschaften begründet. Deshalb ist mir nicht klar wie die „Beherrschung der Natur“ mit der Konstruktion von Geschlecht zusammenhängen soll. Diese scheint mir doch eher von der Konstruktion einer menschlichen Natur der Zweigeschlechtlichkeit auszugehen, die eben überhaupt nicht als bedrohlich erscheint, sondern eher als Rechtfertigung der bestehenden Verhältnisse.

Obwohl EoB beteuert, Trumanns Theorie sei nicht als „Ableitungsverhältnis“ zu denken, kommt am Ende genau das dabei raus: Eine ursprüngliche Trennung von Natur und Kultur, die „Identitätslogik der Moderne“, die Beherrschung der abgespaltenen Natur. Sie sollen Ursache sein für das moderne Patriarchat. Es handelt sich allerdings nicht um ein Ableitungsverhältnis aus dem Wert. Was hier versucht wird ist eine andere Form theoretischer Totalisierung: Die Einordnung in „die Moderne“. Und diese wird, wie bei Adorno/Horkheimer, nicht einfach als die gegenwärtige Gesellschaft begriffen: Wie im biblischen Schöpfungsmythos die Trennung von Erde und Wasser usw. die Entstehung der Welt nach sich zieht, so wird die „Beherrschung der Natur“ zum Ursprung der Moderne erklärt. Was entsteht ist eine negative Teleologie, nur das hier nicht wie bei Adorno/Horkheimer Auschwitz am Ende steht, sondern die Einheit von kapitalistischer Ausbeutung und Patriarchat (und, wie EoB eifrig anmerkt, ließe sich hier auch noch eine Notwendigkeit damit einhergehendem Rassismus und Antisemitismus behaupten – also vielleicht doch ein bisschen Auschwitz). In dem Trumann das Geworden-sein und Fortbestehen der Norm der Zweigeschlechtlichkeit in die Psyche des kapitalistischen Subjekts verlagert, verstellt sie den Blick darauf wie die Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit und damit der Vorausetzung eines ‚modernen Patriarchats‘ alltäglich von den Subjekten in dieser Gesellschaft geleistet wird. Und gerade dort könnte eine praktische Destruktion ansetzen.

Fast vergessene Volkswiderstandsbewegungen der Welt: Khmer Rouge/KPCh/KBW/Grüne/SPD

SpiegelOnline ruft seinen LeserInnen noch einmal die jüngere Geschichte Kambodschas in Erinnerung:

Die Roten Khmer herrschten von 1975 bis 1979. Damals kamen schätzungsweise 1,7 Millionen Menschen ums Leben. Die Schreckensherrschaft ging als Epoche der „Killing Fields“ in die Geschichte ein. Die Kommunisten wollten Kambodscha in eine Agrargesellschaft verwandeln und löschten die akademische Elite aus. Hunderttausende wurden hingerichtet, verhungerten oder arbeiteten sich auf den Reisfeldern zu Tode.

Da Blogs ja sowas wie eine „Gegenöffentlichkeit“ sein sollen, sei nur kurz auf zwei Punkte hingewiesen, die bei SpOn glatt unter den Tisch fallen:

    1. Wer hat den Terror dieser „Kommunisten“ beendet?
    2. Wer hat die Khmer Rouge auch noch nach dem Massenmord unterstützt?

Was mich allerdings mehr beschäftigt (jaja, Wendy, Metropolenprobleme und so),
wer waren die westdeutschen PolPot-Fans in den 70ern und was ist aus ihnen geworden?
Wikipedias recht ausführlicher KBW-Artikel fördert erstaunliches zu Tage:

    Reinhard Bütikofer, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen;

    Ralf Fücks, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, ehemaliger grüner Bremer Umweltsenator;

    Hans-Jörg Hager, Vorstandsvorsitzender der Schenker Deutschland AG;

    Eberhard Kempf, Aufsichtsratsmitglied bei SAP, Strafverteidiger (u.a. des Deutsche Bank-Chefs Ackermann, Manfred Kanther (CDU));

    Gerd Koenen, Historiker und Publizist; (Anm. von mir: z.B. Autor von „Das rote Jahrzehnt“ – die hetzerischten Passagen im Wikipedia-Artikel über die Marxistische Gruppe1 sind offenbar direkt aus diesem Buch entnommen);

    Hermann Kuhn, 1995-2003 Grüner Vizepräsident der Bremischen Bürgerschaft;

    Horst Löchel, Professor an der Bankakademie e.V./Frankfurt School of Finance & Management;

    Willfried Maier, Grüner Politiker, 1997-2001 Stadtentwicklungssenator, Bundesrats-Bevollmächtigter und Europa-Beauftragter in Hamburg;

    Dieter Mützelburg, Grüner Bürgerschaftsabgeordneter in Bremen;

    Winfried Nachtwei, Bundestagsabgeordneter (Bündnis 90/Die Grünen);

    Krista Sager, ehemalige Vorsitzende der grünen Bundestagsfraktion;

    Joscha Schmierer, 1999-2005 Mitarbeiter im Planungsstab des AA;

    Ulla Schmidt (SPD) Bundesgesundheitsministerin;

Nun, böswillig könnte man sagen: Alle Wege des Maoismus führen in den Enddarm der Sozialdemokratie. Zumindest wenn man nicht sofort verdaut wird wie Ulla Schmidt oder die mitgliederstärkste sozialdemokratische2 Partei der Welt ist – was ja bekanntlich keinen großen Unterschied macht. Die Sorge des neuen Vizekanzlers und Aussenminister F.W. Steinmeier vor einer Verschlechterung der deutsch-chinesischen Beziehungen und einem Ausbleiben der Dialoge die man so führt lässt sich übrigens auch vor dieser Schablone interpretieren. Nach ihrem neuesten „Linksruck“ kann die deutsche Sozialdemokratie wohl nur im Dialog mit der KPCh lernen wie man im 21. Jahrhundert von Sozialismus redet und kapitalistische Zustände einrichtet.

  1. Die hatte zum agieren der USA und der VR China übrigens folgendes zu sagen: http://www.gegenstandpunkt.com/msz/html/87/87_1/vietnam.htm [zurück]
  2. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, wenn die chinesische Variante der Sozialdemokratie sich von einer besonders autoritären Seite zeigt, so ist das kein Spezifikum dieser Partei. Die anderen Sozen haben es nur gerade nicht nötig der Bluthund zu sein um nationale Einheit und Verwertbarkeit des Menschenmaterials für Staat und Kapital herzustellen / zu erhalten. [zurück]