Schöpfungsmythen

Emanzipation oder Barbarei (im weiteren EoB) veröffentlicht ihre/seine Notizen zu einem Seminar mit Andrea Trumann in Göttingen.

Zunächst referiert EoB die Thesen Trumanns zum Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Patriarchat. In Anlehnung an wertkritische Theorien besteht dieser, nach Trumann, über die Formierung eines „kapitalistisch-sexistischen Subjekts“. Um diese Formierung zu erklären bedient sich Trumann einer konstruktivistisch aufgepeppten Variante der kritischen Theorie nach Adorno/Horkheimer: Das kapitalistisch-sexistische Subjekt, also, das männliche Subjekt, ist Produkt einer unter Kontrolle gebrachten „inneren Natur“ und so in der Lage „sich die äussere Natur Untertan zu machen“. Jedoch bringt diese Bewegung des Subjekts zur („scheinbaren“) Identität mit sich selbst jene innere und äussere Natur erst hervor. Die „innere Natur“ des Subjekts die da unter Kontrolle gebracht werden muss besteht aus Trieben, Emotionalität, Naurhaftigkeit, Passivität und ihre Kontrolle ermöglicht den rationalen Zugriff des Subjekts auf die äussere Natur. Im Rückgriff auf die Psychoanalyse bezeichnet Trumann dieses „unter Kontrolle bringen“ als „Ich-Bildung“, die das nicht-identische als „Unbewusstes“ abspaltet. In diesem Prozess konstituiere sich erst „Natur“, alles was im Begriff der „Kultur“ nicht aufgeht werde dorthin verdrängt. In dieser „Identitätslogik“ sieht Trumann so etwas wie ein Strukturprinzip der Moderne: Alles was mit kapitalistisch-sexistischer Subjektivität unvereinbar ist wird als inferiores abgespalten und letztlich mit der beherrschbaren Natur identifiziert. So auch die Sphäre des Privaten von der der Öffentlichkeit, wobei die erstere mitsammt der in ihr geleisteten Reproduktionsarbeit als natürliche Grundlage der letzteren erscheint.

M.E. sind Trumanns Thesen angreifbar.

Das Bild was Trumann zeichnet, nämlich das eines rational-agierenden kapitalistischen Subjekts, müsste, damit es irgendetwas über das Geschlechterverhältnis in der bestehenden Gesellschaft erklären könnte, identisch mit dem Bild von Männlichkeit sein, wie es in der bestehenden Gesellschaft vorherrscht. Ansonsten erklärt Trumanns Theorie vielleicht was ein kapitalistisches Subjekt ist, jedoch nicht warum es notwendig ein Geschlecht hat.
Denn wenn Trumanns These stimmen würde, dann wäre das „männliche“ in dieser Gesellschaft mit der „Kultur“ identisch, das „weibliche“ mit der „Natur“. Überspitzt gesagt: „Männer“ kämen als eine Art „zivilisierte Frau“ vor.
Im Alltagswissen müsste also eine solche Unterscheidung zwischen Kultur und Natur präsent sein. Sonst kann sie nicht Grundlage der Zuschreibungen sein, die an die unterschiedenen Geschlechter gemacht werden. Diese ist aber gerade im Bezug auf das Geschlechterverhältnis nicht präsent. Geschlecht erscheint als etwas vollkommen natürliches. Gerade die männlich attribuierten Eigenschaften, Durchsetzungsfähigkeit, Aggressivität usw. werden ja nicht als Unterdrückung einer „eigentlichen“ Natur von Männern konstruiert, sondern als deren Natur selbst. Auf der anderen Seite gelten weiblich attribuierte Eigenschaften wie Emotionalität, Empathie usw. nun nicht gerade als unzivilisiert oder als Zeichen von kultureller Unterentwicklung. Die gesellschaftliche Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern wird ja gerade mit der angeblichen Natürlichkeit der ihnen jeweils zugeschriebenen Eigenschaften begründet. Deshalb ist mir nicht klar wie die „Beherrschung der Natur“ mit der Konstruktion von Geschlecht zusammenhängen soll. Diese scheint mir doch eher von der Konstruktion einer menschlichen Natur der Zweigeschlechtlichkeit auszugehen, die eben überhaupt nicht als bedrohlich erscheint, sondern eher als Rechtfertigung der bestehenden Verhältnisse.

Obwohl EoB beteuert, Trumanns Theorie sei nicht als „Ableitungsverhältnis“ zu denken, kommt am Ende genau das dabei raus: Eine ursprüngliche Trennung von Natur und Kultur, die „Identitätslogik der Moderne“, die Beherrschung der abgespaltenen Natur. Sie sollen Ursache sein für das moderne Patriarchat. Es handelt sich allerdings nicht um ein Ableitungsverhältnis aus dem Wert. Was hier versucht wird ist eine andere Form theoretischer Totalisierung: Die Einordnung in „die Moderne“. Und diese wird, wie bei Adorno/Horkheimer, nicht einfach als die gegenwärtige Gesellschaft begriffen: Wie im biblischen Schöpfungsmythos die Trennung von Erde und Wasser usw. die Entstehung der Welt nach sich zieht, so wird die „Beherrschung der Natur“ zum Ursprung der Moderne erklärt. Was entsteht ist eine negative Teleologie, nur das hier nicht wie bei Adorno/Horkheimer Auschwitz am Ende steht, sondern die Einheit von kapitalistischer Ausbeutung und Patriarchat (und, wie EoB eifrig anmerkt, ließe sich hier auch noch eine Notwendigkeit damit einhergehendem Rassismus und Antisemitismus behaupten – also vielleicht doch ein bisschen Auschwitz). In dem Trumann das Geworden-sein und Fortbestehen der Norm der Zweigeschlechtlichkeit in die Psyche des kapitalistischen Subjekts verlagert, verstellt sie den Blick darauf wie die Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit und damit der Vorausetzung eines ‚modernen Patriarchats‘ alltäglich von den Subjekten in dieser Gesellschaft geleistet wird. Und gerade dort könnte eine praktische Destruktion ansetzen.