Eine kurze Anmerkung…

… zur Konstruktion und Kriminalisierung von Milieus:

SpiegelOnline berichtet heute über die Festnahme eines sogenannten ‚Transvestiten‘ im Elsaß. Dieser soll zwischen 1980 und 2002 18 Menschen umgebracht haben. Polizei und SpiegelOnline gehen davon aus, dass die Mehrzahl seiner Opfer aus einem „homosexuellen Milieu“ stammt. Nun hatte der Begriff des „Milieus“ für mich in den letzten Jahren immer mehr von seiner pejorativen Bedeutung verloren, was vielleicht an seiner Benutzung in der soziologischen Lebenstilforschung liegt. Dort gilt es ja eher als unschick sich keinem Milieu zuordnen zu können, weil es gleichbedeutend mit einem Auschluss aus der „neuen bunten Welt der frei wählbaren Lebenstile“ ist. Diese Milieus sind Aufgrund des auf Marktforschung ausgerichteten Erkenntnisinteresses der Lebenstilforschung ohnehin fast gleichbedeutend mit Konsumgewohnheiten.
Hier aber nun der Milieu-Begriff der ganz gegenteilig funktioniert:
Ein bestimmter Personenkreis wird aufgrund bestimmter tatsächlicher oder vermuteter Praxen oder Eigenschaften vom Rest der Gesellschaft separiert. Die relative Geschlossenheit solcher „Milieus“ regt die Phantasie der interessierten Öffentlichkeit an. Aber nicht nur das, sie zieht auch das Interesse des Staates auf das Milieu. Denn Aufgrund der unterstellten Andersartigkeit der dort versammelten Subjekte, Aufgrund ihrer Verschworenheit ist davon auszugehen, dass herkömmliche Ermittlungsmethoden, wie sie im Rest der Gesellschaft angewandt werden, hier nicht greifen. Zudem scheint abweichendes Verhalten, auch wenn es in einer sich liberal nennenden Gesellschaft nicht strafbewehrt ist, den Verdacht nahe zu legen, dass hier auch Abweichungen zu finden sind an deren Verfolgung die vom Staat repräsentierte Öffentlichkeit ein Interesse hat. Und falls dort tatsächlich Straftaten verübt werden, so ist das immer auch auf die Andersartigkeit des/der TäterIn und des Milieus zurückzuführen. So ist z.B. ein „Mord im Homosexuellen-Milieu“ eben nicht nur ein Mord, sondern ein homosexueller Mord – eine Tat die im unmittelbaren Zusammenhang mit dem homosexuellen Verhalten von Opfer und Täter steht. Und diese Konstruktion erlaubt es zum einen eine ganze Gruppe von Menschen zu kriminalisieren und erlaubt auch rabbiatere Ermittlungsmethoden, zum anderen schreibt es durch die damit verbundene Stigmatisierung die Grenze zwischen Rest-Gesellschaft und Milieu noch einmal fest.


1 Antwort auf “Eine kurze Anmerkung…”


  1. 1 lahmacun 18. August 2008 um 12:59 Uhr

    es ist kein zufall, dass ich in den 1990ern in ner strafrechts-lehrverstaltung saß, und die stinkkonservative lehrende immer „vom milieu“ sprach. gemeint war ganz klar die arbeiterklasse, deren angehörige sind nämliche kriminelle bestien, wenn man nicht draufschaut. auf den hinweis, dass diese milieutheorie wohl ein bürgerlicher witz sei, meinte sie nur: „sind sie schon verteidiger? nein, und bis dahin schweigen sie bitte!“

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