Einige kurze Anmerkungen…

… zum linken und imperialen Universalismus:

Mark Terkessedis schreibt im Tagesspiegel über den „feministischen Kreuzzug“ ex-feministischer Politikerinnen und ihre seltsamen neokonservativen BundesgenossInnen (via lysis):

Eine Koalition aus Ex-Feministinnen, an der Spitze Alice Schwarzer, bestimmten Organisationen wie Terre des Femmes und einer Reihe von „authentischen“ Gewährsfrauen türkischer Herkunft wie Necla Kelek befindet sich seit einiger Zeit zusammen mit konservativen Politikern und Publizisten auf einem Kreuzzug zur Befreiung der „muslimischen Frau“ aus den Fängen eines unterdrückerischen, islamisch geprägten Patriarchats.

Für Alice Schwarzer war schon nach dem 11. September 2001 alles klar. In dem von ihr herausgegebenen Sammelband „Die Gotteskrieger und die falsche Toleranz“ war die „aufgeklärte Welt“ fast verloren: Lehrerinnen mit Kopftuch, einheimische Islamkonvertiten und der Zentralrat der Muslime, sie alle schienen an einem neuen 1933 zu stricken. Und mit der Unterdrückung der Frau fange es an, meinte Schwarzer.

Diese Verknüpfung des Schicksals des christlichen Abendlandes/freien Westens mit dem Schicksal muslimischer Frauen ist nun keine Besonderheit des von Schwarzer & co. gepflegten Diskurses. Für die us-amerikanische Öffentlichkeit stellt Miriam Cooke fest1:

Then came September 11, 2001. The Taliban were accused of sup-
porting the attacks, and the outrage over Afghan women’s mistreatment
resurfaced. Nightly, Cable News Network aired a virulently anti-Taliban
film called „Beneath the Veil,“ which was shot in June 2001. It confirmed
the brutality to which Afghan women were exposed. It was hard not to
declare one’s outrage at these uncivilized brutes and then to associate all
their victims: Afghan women; the three thousand dead in the World Trade
Center; the Taliban’s domestic enemy, the Northern Alliance; and, of
course, us/U.S.

Sie sieht hier eine Logik am Werk, die unter dem Paradigma einer universellen (aber durch „den Westen“ repräsentierten) Zivilisation imperialistische Politik betreibt:

Imperial logic genders and separates subject peoples
so that the men are the Other and the women are civilizable. To defend
our universal civilization we must rescue the women. To rescue these women
we must attack these men. These women are to be rescued not because
they are more „ours“ than „theirs“ but rather because they will have become
more „ours“ through the rescue mission. The rhetoric of empire conceals
race, ethnicity, and class so that gender becomes these Afghans‘ major de-
fining characteristic. Politics in the era of U.S. empire disappears behind
the veil of women’s victimization. Citizens of the civilized world have a
universally acknowledged duty to save Afghan women. In the Islamic con-
text, the negative stereotyping of the religion as inherently misogynist pro-
vides ammunition for the attack on the uncivilized brown men.

Nicht zufällig erinnert Miriam Cooke in ihrem Text an Gayatri Chakravorty Spivaks Satz von „white men saving brown women from brown men“, mit dem sie das Verbot der Witwenverbrennung in Indien durch die britische Kolonialmacht beschrieb.
Die im Dienste der universellen Zivilisation angetretene Rettungsmission wird zur Rechtfertigung eines imperialistischen Krieges herangezogen. Mehr noch, durch das „Opfer-Sein“ der afghanischen Frauen wird diese Zivilisation selbst als Opfer der Taliban identifiziert und muss eben, um das Diktum des ehemaligen Verteidigungsministers Struck noch einmal zu strapazieren, „am Hindukusch verteidigt werden“.

Die politische Linke scheint das zu verwirren. Sie hat bislang einen solchen emanzipatorischen Universalismus immer als ihr ureigenstes Buisness verstanden. Wenn jetzt politische Gegner, von ganz rechts bis mitte links2, unter Berufung auf diese Universalismen, Politik gemacht wird, sieht sich die Linke der Grundlage ihrer eigenen Politik beraubt. Auch Terkessidis fällt es schwer Abschied von einer solchen Position zu nehmen, die das Sprechen für „die Anderen“ schon immer impliziert und das eigene Schicksal an das der jeweiligen Objekte der eigenen Emanzipationsbestrebungen koppelt:

Anstatt Sexismus auf „deren“ kulturelles Problem zu reduzieren, geht es darum, die Benachteiligung sowohl von Frauen als auch von Migranten zu bekämpfen – und zwar als Bedrohung für unser aller Zukunft. (Hervorhebung von mir)

Es geht mir allerdings nicht darum ein Verbot auszusprechen, Herrschaftsverhältnisse, egal wo sie existieren mögen, zu kritisieren. Worum es mir geht ist der Linken die schlechte Angewohnheit des „Sprechens für Andere“ abzugewöhnen. Denn diese hat m.E. gleich zwei negative Konsequenzen:

(1) Dass Menschen nicht für sich selbst sprechen/entscheiden könnten, ist immer ein Element der Ideologien die Herrschaft rechfertigen und damit stützen. Diese Entmündigung in einem linken Diskurs zu reproduzieren steht dem Zweck der Kritik entgegen.

(2) Die linke Identifikation mit der jeweiligen Gruppe die von Herrschaftsverhältnissen betroffen ist, führt zu einem blind-werden gegenüber der eigenen Verstrickung in diese Herrschaftsverhältnisse und zum Überbügeln von Unterschieden und Hierarchien innerhalb dieser Gruppe selbst.

Gilles Deleuze merkte zu diesem Sachverhalt im Gespräch mit Michel Foucault einmal an:

Sobald sich eine Theorie an einem bestimmten Punkt festbeißt, wird die geringste praktische Konsequenz unmöglich, wenn sich nicht irgendwo eine Explosion ereignet. Aus diesem Grunde ist der Begriff der Reform so dumm und heuchlerisch. Entweder ist die Reform von Leuten erarbeitet, die sich für repräsentativ halten und die sich einen Beruf daraus machen, für die anderen, im Namen der anderen zu sprechen, so ist das ganze ein Unternehmen der Machthaber,
in dem die Repression ausgeweitet wird. Oder es handelt sich um eine Reform, die von den Betroffenen selbst verlangt wird, dann ist es keine Reform mehr, sondern eine revolutionäre Aktion, die aufgrund ihres partiellen Charakters dazu bestimmt ist, die Totalität der Macht und ihrer Hierarchie in Frage zu stellen.
[…]
Meines Erachtens waren Sie [Anm.: gemeint ist Foucault] der erste, der uns etwas ganz Entscheidendes beigebracht hat, und zwar sowohl in Ihren Büchern wie in Ihrer praktischen Arbeit: wie entwürdigend es ist, für die anderen zu sprechen. Ich meine: Die Repräsentation war ein alter Hut für uns; wir wußten, daß es damit aus ist; aber wir zogen nicht die Konsequenz aus dieser „theoretischen“ Konversion, daß nämlich die Theorie forderte, die Betroffenen müßten endlich praktisch für sich selbst reden.4

Nun sei dahin gestellt, ob Michel Foucault dieses Lob tatsächlich verdient. Dass aber die Betroffenen durchaus in der Lage sind selbst zu sprechen stellt Miriam Cooke fest:

Yet these Afghan women and those others now marked for repression
by the terrorists can and do fight for themselves. On November 7,2001,
ten days before Mrs. Bush’s speech, the Afghan Women’s Network met
in Peshawar, Pakistan, to call for an end to the military action and for
Afghan women’s participation in the peace process. Their appeal was cir-
culated by Women Living Under Muslim Laws, another network con-
cerned with the violation of Muslim women’s legal status throughout the
world.

  1. Miriam Cooke: Saving brown women , in Signs: Journal of Women in Culture and Society 2002, vol. 28, no. 1
    [zurück]
  2. hier sei nur an Joschka Fischer erinnert, der unter indirekter Berufung auf Adornos kategorischen Imperativ „dass Auschwitz nie wieder sei“ die Bombardierung Belgrads gefordert und mit durchgeführt hat. [zurück]
  3. zitiert nach: Foucault, Michel: Von der Subversion des Wissens, Frankfurt 1987, S. 108f [zurück]

8 Antworten auf “Einige kurze Anmerkungen…”


  1. 1 Schatten.kontrastieren 30. November 2007 um 20:24 Uhr
  2. 2 Administrator 30. November 2007 um 22:36 Uhr

    Für die Kürze eine gute Komposition.

    Danke. Auch für’s verlinken.

  3. 3 unkultur 01. Dezember 2007 um 12:24 Uhr

    Repräsentation überhaupt als Problem zu thematisieren ist sicher richtig von Deleuze und ein Fortschritt zu einem marxistisch-leninistischen Politikverständnis, bei dem die Frage der Repräsentation als Frage nach Organisation (Partei als Avantgarade) gestellt und beantwortet wurde. Da war Deleuze dann wirklich sehr viel weiter.
    Dennoch mag ich der einfachen Auflösung „dann sollen sie für sich selbst sprechen“ nicht zustimmen. Wenn sich Leute zu einem Pogromm entschließen wie in Rostock-Lichtenhagen 1992, dann kann das schwerlich als autonome Entscheidung akzeptiert werden. Ein antiautoritärer Anspruch blamiert sich an der Stelle.

  4. 4 Der Weber Max 01. Dezember 2007 um 17:21 Uhr

    Das Verbot der Witwenverbrennung war keineswegs ein Projekt, das in der beschriebenen Weise zivilisationsmissionarisch und unilateral von der Kolonialmacht oktroyiert wurde. Nachzulesen etwa bei Sumit Sarkar.

  5. 5 ABC 09. Dezember 2007 um 0:00 Uhr

    Wenn der Westen nicht für die afghanischen Frauen spricht, wer soll es denn sonst tun?

  6. 6 lysis 10. Dezember 2007 um 14:13 Uhr

    Sie selber?

  1. 1 Ein kleiner Verweis … // Lysis Pingback am 07. Dezember 2007 um 16:09 Uhr
  2. 2 Kommentare aus der AMAZONAS-Box Trackback am 19. Januar 2008 um 23:19 Uhr
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