Tibet – Freiheit – Scheiße

KoKa Augsburg kündigt schon mal an das ein Artikel der Genoss_innen vom Gegenstandpunkt zu der ganzen Free-Tibet-Scheiße in der Mache ist. Kritik handelt sich die Gruppe mit dem sympathischen Namen allerdings von der 56. Internationalen auf Blogsport ein. KoKa schreibt nämlich:

Wäre China wirklich kommunistisch, hätte es zumindest den einheimischen Tibetschreiern schon längst die Verrücktheit eines nationalistischen Standpunkts erläutert (anstatt ihm Autonomie zu gewähren)

Der Abgleich zwischen dem was KoKa kommunistisch findet und dem was die KP China anstellt ist natürlich so falsch ist wie Kullas Rumgeheule die KPCh würde ihm das schöne Wort „Kommunismus“ verleiden. Denn Leute denen es um eine Kritik an Herrschaft im Allgemeinen und Staat und Kapital im Besonderen geht, können auf die Deutungshoheit über ein Wort, das mehr an katholische Abendmahlsliturgie als an ein herrschaftsloses Miteinander klarkommen erinnert, ziemlich gut verzichten. Allerdings ist geht es Walgesang in seiner Kritik gar nicht darum: In bester „Praktiker“-Manier möchte er sich um die Konsequenz aus dem richtigen Urteil der KoKas, nämlich, dass das was ansteht nicht die staatliche Garantie irgendeiner Autonomie für Leute die sich für „ein Volk“ halten ist, sondern das Aufhetzen derselben gegen Staat und ihre verkehrte Identität als Volk, herumdrücken. An der Stelle nehme ich ihm einfach mal ab, dass er das Urteil schon grundsätzlich teilt und die Gründe die er anführt, warum er diese Sache nach hinten verschieben will für ihn grade einleuchtend sind, was allerdings nichts daran ändert, dass sie falsch sind:

[Lenin sagt] , daß man gerade dann, wenn man die Arbeiter der unterdrückten Nationen erst für einen gemeinsamen Klassenkampf später dann für den Aufbau eines Arbeiterstaates gewinnen will, deren Vorbehalte gegen die vorherrschende Nation durch gewisse “Konzessionen” entgegentreten sollte.

1. ob die Arbeiter_innen sich nun einer unterdrückten Nation oder herrschenden Nation zugehörig fühlen, ist für die Frage des gemeinsamen Klassenkampfes ersteinmal vollkommen unerhebliche. Denn wenn die Arbeiter_innen sich tatsächlich als Klasse gegen die herrschenden Zustände organisieren wollen, die ihnen schaden, dann ist von vornherein klar, dass die Identität der Arbeiter_innen eben in der Interessensgleichheit als Arbeiter_innen sich der erlittenen Schädigungen zu entledigen liegt und nicht darin „ihrer“ Nation die in der Konkurrenz der Gewaltmonopolisten schlecht abschneidet (sofern es überhaupt ein Gewaltmonopol gibt, das den Namen dieser Nation im Schilde führt) zur Kompensation zu verhelfen.

2. Sofern ein falsches Bewusstsein solcherart bei den Arbeiter_innen vorhanden ist, dass sie den Erfolg „ihrer eigenen“ Nation (i.e. der Staatsgewalt die sie als nationale Arbeiter_innenschaft zusammenfasst) als das Mittel ihres materiellen Interesses an der Abschaffung der Schädigungen begreifen, ist hieran doch keinerlei Konzession zu machen, sondern Kritik zu üben. Kritik, dass ist die Sache mit den Argumenten, die doch jeder einleuchten können – warum also auch nicht den Arbeiter_innen einer in der Konkurrenz unterlegenen Nation? Walgesangs Argument ist hier das Misstrauen dieser Leute gegenüber der „vorherrschenden Nation“. Der Fehler der Möchtegern-Agitator_innen leninistischer Prägung ist doch hier schon als Vertreter_innen einer „vorherrschenden Nation“ aufzulaufen, anstatt als Leute die halt ein Interesse an Abschaffung von Schädigungen haben und versuchen andere für diese Sache zu gewinnen. Daraus ergibt sich nämlich schon zwangsläufig der Verrat an Volk, Nation und Rasse1 – verkehrten Identitäten allesamt, da sie nicht auf einem vernünftigen Interesse gründen. Hier deutet sich schon an, dass Walgesang das Urteil der Kokas gar nicht teilt, deutlicher wird das aber im weiteren:

3. Konzessionen an Nationalismen, sowohl herrschende wie auch nicht-herrschende muss Walgesang nur machen, weil er falscher Weise meint, mit dem Aufbau eines sog. „Arbeiterstaates“ sei schon viel gewonnen. Aber das wiederum ist Unsinn und unnötig. Warum sollten Leute, die sich in ihren Zwecken einig sind, sich auf ein abstraktes Gemeinwohl, das von einem Staat repräsentiert wird verpflichten lassen? Zu dem, warum sollten sie sich einen zum „Arbeiterstaat“ passenden „Arbeiternationalismus“ einleuchten lassen um ihre Opfer für dieses Gemeinwohl zu legitimieren? Wenn die Leute wissen worum es in ihrem Kampf geht und was abzuschaffen ist, dann brauchen sie keine Legitimation dafür das sie ihr Interesse grade nicht durchsetzen können, sondern sehen zu das sie Zustände schaffen in denen dieses Interesse verwirklicht werden kann (i.e. Weltrevolution). Sich dem Regiment eines Arbeiterstaates zu unterwerfen ist da doch eher ein abwegiger Gedanke.

  1. Natürlich haben die Leute die zu einem Volk, einer Nation, einer Rasse, einem Geschlecht oder zu einer Klasse sortiert werden und deshalb schlecht wegkommen schon ein gemeinsames materielles Interesse daran das zu ändern. Das soll damit gar nicht durchgestrichen werden, nur kommt es doch sehr darauf an die Gründe für dieses schlecht wegkommen richtig zu bestimmen. [zurück]

13 Antworten auf “Tibet – Freiheit – Scheiße”


  1. 1 nonono 15. April 2008 um 12:42 Uhr

    Nur mal interessehalber: Gibt es denn einen anderen Begriff, der das gleiche bezeichnet wie Kommunismus, der stattdessen verwendet werden könnte? Ich kenne nur Ausweichvokabeln, in denen dann wichtige Elemente fehlen.

  2. 2 Administrator 15. April 2008 um 12:51 Uhr

    Es gibt vernünftige Kritik an dem Laden hier, daraus ergibt sich was ansteht. Ob das nun Kommunismus heißen muss oder sonstwas ist uninteressant. Welche Elemente bei deinem Kommunismus vorhanden sein müssen ist auch eher unspannend. Es geht um Kritik an Herrschaft und nicht um HipHop oder sowas, wo du meinetwegen 514 Elemente suchen kannst.

  3. 3 bigmouth 15. April 2008 um 13:26 Uhr

    folgt aus deiner position denn dann nicht das warten auf den sankt-nimmerleins-tag, wenn du jede form von kompromiss mit falschen überzeugungen kategorisch ausschließt? das „über den zweck einig sein“ scheint sich bei dir als irgendwie 100% darzustellen. oder lese ich das falsch, und du möchtest einfach nicht kritik begraben um der einigkeit willen? aber was für ein verhalten jenseits der kritik folgt daraus für bündnisse usw?

  4. 4 Administrator 15. April 2008 um 14:08 Uhr

    folgt aus deiner position denn dann nicht das warten auf den sankt-nimmerleins-tag, wenn du jede form von kompromiss mit falschen überzeugungen kategorisch ausschließt?

    Keineswegs. Damit daraus ein warten auf den St. Nimmerleins-Tag wird müsste ich davon ausgehen das ich schlechte Argumente habe und die falschen Ansichten nicht wiederlegen kann. Oder umgekehrt, dass ich kein richtiges Argument einsehe und vielleicht eine Ansicht die ich für falsch gehalten habe nicht mehr für falsch halte. Beides halte ich für verkehrt, fällt dir ein Argument dagegen ein?

    das “über den zweck einig sein” scheint sich bei dir als irgendwie 100% darzustellen.

    Der Zweck über den ich da rede ist das Abschaffen von Herrschaft, da wird wohl Einigkeit drüber herrschen müssen, wenn sich mir die Frage nach Bündnissen usw. *zu diesem Zweck* überhaupt stellen soll. Die erübrigt sich dann allerdings schon wieder, was soll ich denn ein „Bündnis“ machen mit Leuten mit denen ich mich ohnehin aufgrund eines gleichen Interesses gemeinsam organisieren will?

  5. 5 bigmouth 15. April 2008 um 14:37 Uhr

    dass gute argumente schlechte widerlegen, erscheint mir jetzt aber eher eien wunschvorstellung zu sein als sosnt was

  6. 6 Administrator 15. April 2008 um 14:52 Uhr

    bigmouth, wie machst du das denn wenn du mit falschen Ansichten konfrontiert bist?

  7. 7 bigmouth 15. April 2008 um 19:47 Uhr

    im internet bei blogdiskussionen? oder in einer revolutionären situation, wo leute meine kritik zumindest teilweise mitgehen, andere sachen aber nicht? mE macht das einen unterschied. letztere situation kann durchaus der zeitpunkt für kompromisse sein

  8. 8 Administrator 15. April 2008 um 20:19 Uhr

    darüber kannst du dir ja dann gedanken machen…

  9. 9 Neoprene 15. April 2008 um 21:53 Uhr

    Warum meinst du eigentlich:
    „Natürlich haben die Leute die zu einem Volk, einer Nation, einer Rasse, einem Geschlecht oder zu einer Klasse sortiert werden und deshalb schlecht wegkommen schon ein gemeinsames materielles Interesse daran das zu ändern.“?
    Denn es kommen in einer Nation (die ich der Einfachheit halber mal mit einem Volk gleichsetzen will) doch nun wahrlich zumeist gar nicht alle gleichermaßen „schlecht weg“. Jeder kommt immer nur überhaupt gut weg auf Kosten des anderen, so geht eben Konkurrenz, ein „gemeinsames materielles Interesse“ gibt es deshalb doch auch gar nicht, vor allem nicht ein gemeinsames Interesse von Arbeiterklasse und ihrer Ausbeuterklasse.

  10. 10 Administrator 16. April 2008 um 11:53 Uhr

    Neoprene, ich glaube du hast den Punkt nicht verstanden. Nach deiner Logik gibt es dann auch kein gemeinsames materielles Interesse der Arbeiterinnenklasse. Da kommen unterschiedliche Leute auch unterschiedlich schlecht weg. Manchmal sortiert sich diese Ungleichheit innerhalb der Klasse sogar rassistisch. Konkurrenz gibt es nämlich erstmal auch innerhalb der Arbeiterinnenklasse, dagegen agitiert man doch die Leute.

  11. 11 Neoprene 16. April 2008 um 14:55 Uhr

    Das weiß ich auch, daß innerhalb der Arbeiterklasse die individuell unterschiedlichsten Lebenslagen, Bedürfnisse und dementsprechende Interessen vorhanden sind. Und sowas ist dann auch gern mal Basis für die von dir angeführten erbitterten Spaltungen innerhalb der Klasse. Aber als Kommunist erzählt an doch den Leuten, daß bei aller Gehaltsdifferenzierung z.B.als wichtigem Kriterium die allgemeine Lage, nur Mittel zum Zweck der Reichtumsvermehrung der Arbeitgeber zu sein, für die nur als ärgerlicher Abzug von deren Gewinnen zu sein, für alle Schichten innerhalb der Klasse gleich ist. Und das es deshalb innerhalb dieser erstmal nur als Begriff existierenden Klasse gute Gründe gibt, sich diese Erkenntnis auch zu eigen zu machen und zur Klasse für sich zu werden. Erst wenn die Leute ihre Lebenseinstellung aufgegeben haben, im Rahmen der Konkurrenz innerhalb der Klasse ihren individuellen Erfolg zu suchen auch gegen ihre Kollegen, kann daraus wirklich gemeinsame Aktion aufgrund dann wirklich gemeinsamer Interessen werden.

    Wo siehst du aber solch eine objektive Gemeinsamkeit über die Klassengrenzen hinweg auch mit der Ausbeuterklasse als Nation? Das gilt so doch auch für die Rassenzugehörigkeit (ein Begriff, den man auch weglassen kann, der aber in vielen Staaten die Lebenschancen von ihr zugerechneten Menschen zum Teil extrem beieinflußt). Der schwarze Chef einer Wall Street Bank und der arbeitslose ehemalige Autoarbeiter im mittleren Westen haben doch nun wirklich kaum mehr Gemeinsamkeiten als ihre Hautfarbe.

  1. 1 Zur Tibetfrage // Antifa Horgau Pingback am 15. April 2008 um 17:12 Uhr
  2. 2 MPunkt Trackback am 17. April 2008 um 9:00 Uhr
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