Antifa heißt… …Ignoranz.

In 6 Sätzen zusammengefasst funktionieren Staat, Kapital und Faschismus laut TOP dabei so: Die einzelnen Subjekte im Kapitalismus sind der Konkurrenz untereinander ausgesetzt, diese dringt in jeden Lebensbereich. Ebenso selbstverständlich wie die kapitalistische Konkurrenz ist den Subjekten dabei ihre Rolle als Staatsbürger_in. Menschen verhalten sich als Inhaber_innen allgemeiner Rechte und Pflichten zueinander, die ihnen von einem Staat zu- oder aberkannt werden, der wiederum die Funktion hat die Verwertungsbedingungen seines Kapitals herzustellen. Die Bürger_innen eines Staates sind damit eine “profane, objektive Schicksalsgemeinschaft” und von der Fähigkeit ihres Staates abhängig sich in der Konkurrenz der Standorte zu behaupten, Nationalismus ist die Reflexionsform dieses Wettbewerbes der Staaten. Faschismus ist dann ein mögliches Staatsprogramm, dass auf unmittelbare Herrschaft statt auf komplizierte Vermittlung setzt und verspricht durch schiere Willensakte das Staatsvolk vor den Unwägbarkeiten des Marktes zu schützen. Dieser Faschismus kann von Demokrat_innen nicht richtig kritisiert werden, weil sie das grundsätzliche Ziel desselben – den Erfolg der Nation – teilen.

So fasst bikepunk den Beitrag der Berliner Theorie.Organisation.Praxis zur im antifaschistischen infoblatt geführten Antifadebatte zusammen. Was bikepunk da schreibt wird schon grob so da stehen, ich habe den Text bislang nur zweimal gelesen. Ich hatte allerdings, nach dem ich bikepunks Kritik daran gelesen hatte, zunächst kaum eine Veranlassung mich damit auseinander zusetzen, ob denn alles stimmt was die TOPs da schreiben und ob bikepunks Zusammenfassung korrekt ist. Denn diese Kritik bezieht sich gar nicht so sehr auf den theoretischen Gehalt des Textes, ja, nicht mal auf den Antifa-Kram der dort Eingangs und zum Schluss behandelt wird, sondern scheint diesen einfach zu ignorieren.

So ist der erste Vorwurf:

[…] Ideologie kommt in ihrer Faschismusanalyse nicht vor.

Diese Behauptung ist schon verwunderlich. Schließlich fasst bikepunk selbst zusammen, die TOPs sähen im Nationalismus die Reflexionsform der Staatenkonkurrenz, im TOP-Text selber heißt es sogar, er sei eine „ideologische[!] Reflexionsform“ der Konkurrenzstellung des bürgerlichen Staates. Weiter heißt es dann, wo es um den Faschismus geht, bei den TOPs:

Die Ideologie[!]des völkischen Nationalismus spricht die Abhängigkeit des Individuums von der staatlichen ›Schicksalsgemeinschaft‹ offen aus, und unterstellt eine vorpolitische ›Einheit‹ der Nation. Doch anders als der gewöhnliche Nationalismus verspricht der Faschismus, die Windmühlenkämpfe politischer Vermittlung ein für allemal zu beenden, und das nationale Privileg durch Maßnahmen eines autoritären Staates durchzusetzen.

Die TOPs begreifen den Faschismus also doch als eine Ideologie. Und zwar eine spezifische, die auf als prekär beurteilte Situation des Gemeinwohls ihre eigenen staatsprogrammatischen Antworten hat. Im Kontext des obigen TOP-Zitates wirkt der zweite bikepunksche Vorwurf geradezu grotesk:

Patriotismus fusst bei ihnen ausschließlich auf dem Sein als Staatsbürger_in,

„Na, worauf denn sonst, guter Mann?“ möchte man da fragen – der Patriotismus, die Liebe zum Vaterland, zum eigenen Staat – woraus soll sie denn sonst folgen, als eben aus der Tatsache, einer politischen Gewalt als Staatsbürger unterworfen zu sein und in dieser politischen Gewalt als Mittel des eigenen Erfolges zu sehen (auch das ist übrigens Ideologie)? Der Anwurf liest sich so, als sei bikepunk der völkischen Ideologie von der Waldursprünglichkeit des Nationalgefühls, als eine vorpolitische, ganz natürliche emotionale Regung des Menschen, aufgesessen. Das ist natürlich nicht der Fall. Es geht hier schlicht um den methodischen Vorwurf, dass man es sich so leicht ja nicht machen dürfe. Der kommt, wie gewohnt, ohne ein Argument gegen die vorgebrachte Theorie aus, die angedeutete Leerstelle („ausschließlich“) wird nicht selbst gefüllt, sondern auf das unter linken Sozialwissenschaftlern beliebte Gerücht gesetzt, dass ja alles „viel komplexer“ sei.

Gleiches gilt für den dritten Vorwurf:

Rassismus wird nicht eigens erwähnt und wohl alleine aus dem Nationalismus heraus erklärt,

Stellt sich die Frage, warum der eigentlich „eigens“ erwähnt werden muss, wenn es in einem Text darum geht ihn als Phänomen zu Kontextualisieren. Stellt sich auch die Frage was an der Erklärung aus dem Nationalismus eigentlich falsch ist. Schaut man sich die Wert- und Unwerturteile der Rassisten an, so wird doch ziemlich schnell deutlich, dass die Maßstäbe, die sie anlegen nationalistische sind. Zumindest fiele mir jetzt keiner ein, der es nicht ist.
Was in diesem Vorwurf allerdings deutlich wird, ist der Moralismus mit dem bikepunk an den Text herantritt. Es zählt nicht so sehr der theoretische Gehalt des Textes, ob er seinen Gegenstand trifft, sondern ob die Checklist der 3 miesesten Herrschaftsverhältnisse abgearbeitet wurde, so ist dann auch der vierte Vorwurf:

patriarchale Zustände kommen nicht vor.

Mal davon abgesehen, dass auch Linke (und nicht nur Leute die als Marxisten verschrien sind), die Tauglichkeit des Patriarchats-Begriffs für eine theoretische Aufklärung über den Sexismus der hierzulande unterwegs ist, nicht nur Bezweifeln sondern auch Bestreiten, dass es also durchaus sein kann, das TOP davon einfach nichts halten, war das schlicht nicht Thema ihres Textes. Übrigens, so ließe sich ebenso einwenden, ohne sich mit den theoretischen Erkenntnissen die TOP vermitteln wollen, auseinander zusetzen, von den besonderen Härten die nicht-Heten, Behinderte oder Psychatrisierte erfahren ist ebenso wenig die Rede. Die disclaimerhafte Nennung dieser Personengruppen bzw. Verhältnisse hätte den Text nicht richtiger gemacht und nichts erklärt.

TOP machen schon klar, dass sie Antifa für sinnvoll halten, wenn sie dafür plädieren “auch jene zum Ziel der Praxis machen, die für eine Verhärtung von Staat und Gesellschaft und die Radikalisierung ihrer alltäglichen Zumutungen einstehen.”

Die Klarheit die bikepunk dort sieht bleibt mir verschlossen. Was im Text steht ist ein Lob der Position der Leipziger Antifa in der Debatte, die sich „wohltuend“ vom Rest der geäusserten Positionen abheben würde. Dann wird diese Position, die nicht mehr ist, als ein formulierter Anspruch, referiert.
Nämlich, dass sich für Linksradikale die Gegnerschaft zu Faschisten aus der Gegnerschaft zu dieser demokratischen Gesellschaftsordnung ergibt und nicht aus einer Parteinahme für sie. Im weiteren Text begründen TOP diese Gegnerschaft. Sie schließen, in dem sie auf dieser Grundlage ihre Version der Gretchenfrage gemeinsamer Organsierung formulieren:

Minimalkonsens muss die Gegnerschaft zu und das Wissen über Nation, Staat und Kapital sein.

Die Frage nach Sinn und Unsinn von Antifa(-schismus) ist damit beantwortet. Womit die tatsächliche Schwäche des Textes zu benennen ist: Die arschklare Konsequenz aus dieser Minimalforderung, ist sie denn Resultat der vorherigen theoretischen Überlegungen, wäre eine vollkommen andere als bikepunk hier herausliest. Die Konsequenz wäre eine klare Absage an die Antifa, weil sie eine Organisationsform ist, deren Minimalkonsens eben nicht in dieser begründeten Gegnerschaft zu Nation, Staat und Kapital liegt, sondern in der Gegnerschaft zu Nazis. Die Konsequenz wäre auch eine Absage an den Antifaschismus als Politik- und Agitationsfeld, denn, wie die LeA schreibt:

Die Illusion, Antifa sei der »Kampf ums Ganze«, hat sich dabei zerschlagen, vor allem, weil es nicht möglich ist, die hiesige Gesellschaft durch die Brille des Faschismus als Ganzes zu analysieren und zu kritisieren.

Doch TOP scheuen entweder diese Konsequenz oder zumindest die klaren Worte, die nötig wären. Zumindest die Betitelung von Antifa-Aktivitäten als „Sport“ am Ende weist in diese Richtung. Zieht man nämlich diese Konsequenz, bleibt eben allerhöchstens der sportliche Teil „antifaschistischer“ Arbeit übrig.
So wirken die bikepunkschen Vorwürfe eben so deplatziert, wie er es dem TOP-Beitrag vorwirft:

Auf strategische Überlegungen verzichtet TOP in diesem Text komplett, stattdessen bieten sie eine knackige, sehr Gegenstandspunkt-inspirierte Kritik an der Bürgerlichen Gesellschaft. Als Selbstdarstellung eines Theoriezusammenhangs ganz nett, in einer Strategiedebatte aber ziemlich deplaziert.

Das bikepunk dem ganzen noch ein „ganz nett“ abheucheln kann, natürlich nicht ohne die gehörige Portion Verachtung des Praktikers für Theoriezusammenhänge, ist wirklich schon erstaunlich, machen TOP doch am Anfang ihres Textes klar, was sie von „Strategiedebatten“ halten:

Da nicht die Lösung eines faschistischen Problems, Bedingung dieses Antifaschismus ist, wird seine Zweckmäßigkeit lediglich am Maßstab der Popularität verhandelt. Statt die Notwendigkeit des Antifaschismus zu überprüfen, lautet die Frage: Wie weiter? Die Antwort ist ebenso klar wie vorhersehbar, wenn sich alle ein Beispiel am vorbildhaften Vorgehen der eigenen Politgruppe nehmen, wird die Moral der antifaschistischen Truppen mit breiteren Bündnissen, popigeren Plakaten und schöneren Slogans in unerreichte Höhen gesteigert werden können.

Die bikepunksche Ignoranz für den Inhalt des Textes gipfelt dann in der gewohnten Heuchelei, die Analyse ja zu teilen (was nicht stimmen kann, da er ihren ideologiekritischen Gehalt ja nicht einmal erkannt hat), und jetzt aber mal einen praktischen Leitfaden für das „Wie weiter?“ haben zu wollen:

Statt ein Gegenstandpunktsflugblatt abzutippen hätten sie mal besser ein paar praktische Konsequenzen aus dieser Analyse benannt, soweit vorhanden.

Ein bisschen mehr Klarheit würde ich mir von TOP schon wünschen, allerdings nicht in Sachen antifaschistischer Marschbefehle, sondern die Klarheit, die notwendig ist um den selbstformulierten Anspruch an eine Organisierung umzusetzen – und das geht nur ohne „Genossen“ wie bikepunk, die bei einem solchen Unterfangen ganz offensichtlich fehl am Platze sind.


6 Antworten auf “Antifa heißt… …Ignoranz.”


  1. 1 Jogiches 12. Januar 2009 um 17:56 Uhr

    Bei rockstar finden sich ebenfalls einige erste Anmerkungen zum TOP-Artikel, die offenbar in die gleiche Richtung gehen wie deine.

  2. 2 bikepunk 089 14. Januar 2009 um 14:28 Uhr

    Zunächst mal, mit ein paar Kritikpunkten hast du einfach recht, räumen wir die mal aus Weg um für ein bisschen Übersichtlichkeit zu sorgen:
    Patriotismus fusst natürlich auf Staatsbürgertum, ganz so Ideologiefrei wie bei mir dargestellt ist deren Faschismusanalyse doch nicht. Die TOPs benennen 2 Punkte, die durchaus in eine Strategiedebatte gehören, einmal die Aufforderung erstmal die Notwendigkeit antifaschistischer Praxis zu prüfen, ausserdem den inhaltlichen Minimalkonsens: die Gegenerschaft zu Staat, Nation und Kapital.

    Die Faschismusanalyse der TOP hat aber einen Mangel, den ich mit „Ideologiefrei“ wohl nicht genau genug beschrieben habe: Das selbstverständnis als Staatsbürger in einer durch die Staatenkonkurenz geprägten Welt reicht nicht aus, um den real existiernden FAschismus zu erklären. Wieso hat das faschistische Italien seinen Krieg in Afrika so anders geführt als auf dem Balkan, wieso hat die deutsche Kriegs- und Vernichtungsmaschinerie die Bevölkerungen in Frankreich so anders behandelt als in Russland oder Polen, und wieso die Jüd_innen nochmal um ein vielfaches brutaler?
    Um das zu verstehen muss explizieter auf (Kolonial-)Rassismus und Antisemitismus eingegangen werden, die beide nicht unabhängig von, aber anders als Nationalismus entstanden sind und reproduziert werden.
    Aus der Frage, wieweit beziehe ich Rassismus und Antisemitismus als eigenständige Faktoren in meine Kritik ein ergeben sich auch andere Interventionspunkte.

    Damit wären wir bei der Frage nach der Strategiedebatte, wo wir wahrscheinlich am weitesten Auseinanderliegen.
    Zunächst mal: ich appeliere lieber heute an die antifaschistische Restvernunft von Demokrat_innen, als dass ich morgen ein ausgewachsenes Naziproblem vor der Haustür habe.
    Und eine Bewegung, die irgendwann den Kapitalismus aufheben will, muss auch in der Lage sein Alltagsprobleme anzugehen – wozu auch Faschos gehören können (hier leigt ein eigener Kritikpunkt an der derzeit üblichen Antifa_Politik, führe ich vielleicht mal bei mir aus).
    Davon ausgehend halte ich es für interessanter, die Zweckmässigkeit von verschiedenen Interventionspunkten zu diskutieren, als den zehnten Aufguss einer linksradikalen inhaltlichen Selbstdarstellung zu veröffentlichen. Das vermisse ich bei der TOP, dass sie weder auf das von anderen Gruppen geschriebene eingehen, noch eigene Vorschläge machen.

    2 Beispiele, um meine Kritik etwas plastischer zu machen: „Gegen Staat, Nation und Kapital“ als Minimalkonsnes, das würden wohl auch die ALI und die ALB von sich behaupten, soweit noch kein Unterschied. Aber haben alle drei Gruppen die gleiche Position zu Bündnisarbeit?
    Wo sehen TOP Interventionspunkte für eine Praxis? Nazis jagen dürfte bei denen weit unten auf der Liste stehen, was steht oben?

    Naja, vielleicht später mehr wenn ich wieder Lust dazu habe.

  3. 3 ♥Tekknoatze 16. Januar 2009 um 8:56 Uhr

    Punk,
    ALI und ALB würden sich also unter den Mindetkonsens schreiben? Das ist ja schön. Dann kann man ja anhand der Position von ALB und ALI darlegen, dass sie das mit dem Mindestkonsens, der mehr als das bekenntnishafte Erwähnen im letzten Absatz eines Aufruf ist, und auch von der TOP so gemeint, eben nicht ernst meinen, sondern lieber »intervenieren« um so den Kritiker_innen vorzuwerfen man würde ja »die Probleme der Menschen ernst nehmen« (AK Max). Tolles Ernstnehmen, zwar um die Fehler der Gesellschaft zu wissen und den Leuten dann aber trotzdem noch die falsche Gesellschaft zurechtintervenieren.

  4. 4 Administrator 16. Januar 2009 um 12:17 Uhr

    ausserdem den inhaltlichen Minimalkonsens: die Gegenerschaft zu Staat, Nation und Kapital.

    Sowas gehört erst dann in eine Strategiedebatte, wenn die Gründe dafür benannt sind und man sich darüber einig ist.

    Das selbstverständnis als Staatsbürger in einer durch die Staatenkonkurenz geprägten Welt reicht nicht aus, um den real existiernden FAschismus zu erklären. Wieso hat das faschistische Italien seinen Krieg in Afrika so anders geführt als auf dem Balkan, wieso hat die deutsche Kriegs- und Vernichtungsmaschinerie die Bevölkerungen in Frankreich so anders behandelt als in Russland oder Polen, und wieso die Jüd_innen nochmal um ein vielfaches brutaler?

    Erstens ging es den TOPs darum, Faschismus und Demokratie auf ihre Begriffe zu bringen. Deshalb haben sie gar nicht den Anspruch die verschiedenen Faschismen und Demokratien jeweils einzeln zu analysieren, sondern kehren erstmal deren Gemeinsamkeiten raus.
    Zweitens widerspricht die unterschiedliche Behandlung von Rassen, Völkerschaften und Ethnien gar nicht der TOP-These.

    Um das zu verstehen muss explizieter auf (Kolonial-)Rassismus und Antisemitismus eingegangen werden, die beide nicht unabhängig von, aber anders als Nationalismus entstanden sind und reproduziert werden.

    Inwiefern „anders“ als Nationalismus? Das einzelne Rassismen jeweils eigene Ideologien sind, die auch jeweils von einander Abweichende Begründungen und Inhalte hervorgebracht haben hat ja niemand bestritten. Aber um die Welt in Rassen, Ethnien, Völkerschaften einzuteilen, die einigermaßen gleichrangig mit der Eigenen sind, ihr Unterlegen und damit zur imperialistischen/kolonialistischen Beherrschung freigegeben oder ganz und gar nichts wert bis schädlich sind und damit zur Vernichtung vorgesehen, braucht es doch ein ziemlich nationalistisches Bewusstsein. Nämlich eines von der Stellung der eigenen und der anderen Nationen in der Welt. Daraus resultiert doch dann, ob Leute anhand dieser Kriterien als gefährliche Konkurrenten, dumm-aber-Nützliche oder als gefährliche „Gegenrasse“ beurteilt werden. Das vollzieht sich dann eben doch anhand ziemlich aktueller Konfliktlagen, was eben die Konjunkturen bestimmter Rassismen besser erklärt, als ihre historische Genese. Das zum Beispiel ein antimuslimischer Rassismus für die historischen Nazis kaum eine bis gar keine Rolle gespielt hat, aber die heutigen Nazis sich nicht recht entscheiden können, ob sie gegen einen Moscheeneubau oder gegen Israel demonstrieren sollen, scheint mir doch sehr mit ihrer Einschätzung der Lage Deutschlands zusammenzuhängen.

    Aus der Frage, wieweit beziehe ich Rassismus und Antisemitismus als eigenständige Faktoren in meine Kritik ein ergeben sich auch andere Interventionspunkte.

    Das versteh ich nun gar nicht. Inwieweit muss man denn Rassismus „eigenständig“ kritisieren und wie soll das gehen? Mir scheint da der Wunsch nach den „anderen Interventionspunkten“ eine Methodik „eigenständiger“ Kritik am Rassismus notwendig zu machen, und nicht umgekehrt.

    Zunächst mal: ich appeliere lieber heute an die antifaschistische Restvernunft von Demokrat_innen, als dass ich morgen ein ausgewachsenes Naziproblem vor der Haustür habe.

    Na, mag ja sein, dass du das für notwendig hältst. Bist du wenigstens so ehrlich und gibst zu, dass es bei solchen Appellen nicht weit her ist mit der Vermittlung einer Kritik an Staat und Kapital?

    Und eine Bewegung, die irgendwann den Kapitalismus aufheben will, muss auch in der Lage sein Alltagsprobleme anzugehen – wozu auch Faschos gehören können

    Irgendwann? Entschuldigung, aber jetzt muss ich doch mal Fragen: Wird sich diese Bewegung, die den Kapitalismus aufheben will (für viele Leute übrigens alltäglich ein tödliches Problem), dieser Aufgabe stellen, wenn das imaginäre ausgewachsene Naziproblem vor deiner Haustür gelöst ist? Und weiß die Bewegung überhaupt schon was davon?

    Davon ausgehend halte ich es für interessanter, die Zweckmässigkeit von verschiedenen Interventionspunkten zu diskutieren,

    Worüber soll man den da diskutieren, wenn man sich in der Analyse nicht einig ist?

    als den zehnten Aufguss einer linksradikalen inhaltlichen Selbstdarstellung zu veröffentlichen.

    Ich fand, und ich habe den Text jetzt wirklich oft genug gelesen, dass es sich eben nicht um eine inhaltliche Selbstdarstellung handelt, wie sie in der radikalen Linken üblich ist. Es handelte sich um eine theoretische Positionierung, zu einer Frage, die sie gerne einmal geklärt hätten, bevor sie sich um Strategie und Interventionspunkte streiten.

    Das vermisse ich bei der TOP, dass sie weder auf das von anderen Gruppen geschriebene eingehen, noch eigene Vorschläge machen.

    Erstens gehen sie auf den Text der LeA ein. Warum sie die anderen Texte nicht besprechen steht Eingangs in dem LeA-Zitat.
    Zweitens macht TOP einen Vorschlag, und zwar was sie da als ihre theoretische Position publizieren, von der für sie alle weitere Praxis auszugehen hat.

    “Gegen Staat, Nation und Kapital” als Minimalkonsnes, das würden wohl auch die ALI und die ALB von sich behaupten, soweit noch kein Unterschied.

    Da unterschlägst du das „Wissen über…“ das auch drin vorkommt. Das gehört eben auch zu diesem Minimalkonsens. Die Meinung der TOP zu dem was es über Staat, Nation und Kapital zu wissen gibt steht in dem Text. Die theoretischen Positionen von ALI und ALB dazu unterscheiden sich ziemlich deutlich. Wenn man daran mehr zur Kenntnis nimmt als die Parole „Gegen Staat und Kapital“, ist das auch zu merken. Und soweit ist das eben ein ganz dicker Unterschied.
    Den übergehst du aber und fragst dich:

    Aber haben alle drei Gruppen die gleiche Position zu Bündnisarbeit?

    Dabei ist die Frage leicht zu beantworten: Nein. Können sie auch gar nicht. Wenn TOP wirklich den Minimalkonsens an ihre Bündnispolitik anlegen und das von ihnen publizierte Wissen dafür voraussetzen, dann sind Bündnisse mit der TOP wohl nur so zu haben. Selbst wenn die ALI und die ALB das ähnlich handeln: Durch die theoretischen Differenzen zwischen ihnen und der TOP kann es niemals die gleiche Position sein.

    Wo sehen TOP Interventionspunkte für eine Praxis? Nazis jagen dürfte bei denen weit unten auf der Liste stehen, was steht oben?

    Ja, stellt sich die Frage was für eine Praxis aus einer Kritik folgt, die die Abschaffung kapitalistischer Verhältnisse fordert. Ich finde die Antwort steckt in der Frage schon ziemlich eindeutig drin.

  5. 5 bikepunk 089 16. Januar 2009 um 16:16 Uhr

    Zu dem Themenkomplex „Unterschiede zwischen verschiedenen Demokratien und Faschismen“ – „Rassismus vs. Nationalismus“ etc.
    TOP schreibt:

    ugleich aber bilden die konkurrierenden Individuen und Belegschaften als Staatsvolk eine profane, objektive Schicksalsgemeinschaft. […]
    Der gedankliche Schritt um, aus der durch die gesellschaftliche Wirklichkeit vorstrukturierten Wahrnehmung, ein Gefühl und die Gewißheit einer vorgängigen, klassenübergreifenden nationalen Identität zu folgern ist dann nur noch ein kleiner. Doch diese Gewißheit folgt keiner Anrufung aus den Tiefen von Natur, Kultur und Tradition. Umgekehrt: Was an ›Kultur‹ oder ›Geschichte‹ zur ideologischen Projektion von ›Identität‹ und Kollektivität taugt, bestimmt sich entlang höchst gegenwärtiger Konfliktlagen: In der Weltmarktkonkurrenz der Nationalökonomien, und den entsprechenden Siegen und Niederlagen der nationalen Politik im Konzert der Nationen.

    Zusätzlich zu den ganz objektiven Gründen, die für ein Nationalgefühl sprechen kommen meines Erachtens nach noch so ‚Erlebnisse‘ (in Ermangelung eines besseren Begriffs) wie eine Fussball WM, homogene Sprachräume (historisch ja was eher neues), früher auch Sachen wie das Militär als „schule der Nation“, aber auch völkische Ideologien und (in Europa) Kolonialrassismus – diese kommen durchaus nicht aus den Tiefen von ‚Natur‘ und ‚Geschichte‘, wie TOP ganz richtig bemerken, werden aber kulturell vermittelt.
    Nach der Analyse von TOP (bzw. meine Interpretation – über Praxis schreiben die ja nicht) muss ich die Leute gegen den Staat agitieren, m.E. nach auch eine Praxis entwickeln die der „objektiven, profanen Schicksaalsgemeinschaft“ Nation auch eine ebenso objektive, transnationale Kampfgemeinschaft entgegensetzt.
    Nach einer Analyse, die Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus etc. als eigenständig vermittelte Faktoren betrachtet muss ich zusätzlich über die Fehler in eben diesen Rassismen auklären und z.B. in die ganze Kulturproduktion intervenieren.

    Zum Rest schreibe ich später nochmal was (seitdems hier so sachlish und unpolemisch zugeht macht mir die Diskussion wieder Spass), jetzt grade ist aber das Wetter zu schön.

  6. 6 bikepunk 089 29. Januar 2009 um 14:13 Uhr

    Das Nazis in vielen Gegenden Schlands so marginal sind, hat viel mit Antifaschistischer Praxis zu tun – von der wiederum viel nicht unbedingt unter dem Label „Antifa“ läuft: Etwa wenn in diversen Subkulturen Leute darauf gucken, dass rechte oder rassistische Positionen zumindest nicht unwidersprochen bleiben – Beispiele dafür wären Projekte wie das Alerta-Netwerk und BAFF (Fangruppen), Godd Night white Pride und Grufties gegen rechts (oder wie die hiessen) – einfach Leute die in ihren sozialen Räumen verhindern, dass bestimmte Positionen akzeptiert werden.
    Und gerade erfolgreiche militante Aktionen gegen Nazis tragen dazu bei, dass diese bei rechtsoffenen „Erlebnisorientierten Jugendlichen“ (Ein schrecklicher Begriff, aber ich finde keinen besseren) ein Image als Loser haben, weniger Attraktiv sind und damit ein gewisses Potential an Leuten nicht von ihnen politisch kanalisiert werden kann. Zu den Erfolgen, die eine Antifabewegung bei aller Heterogenität erziehlt hat könnte noch mehr gesagt werden, ich beschränke mich hier auf die am wenigsten Offensichtlichen und verhältnismässig wenig streitbaren Punkte.
    Darüber, was los ist wenn Nazis mal nicht marginal sind sondern eine gewisse Hegemonie in einer Gegend oder Szene haben, muss ich hier ja wohl nicht schreiben.

    Mir musst du nicht erklären, dass der Kapitalismus schon heute eine tötliches Problem für viele darstellt, und wenn ich davon schreibe ihn „irgendwann“ aufzuheben, dann meine ich nicht dass ich gerne noch 500 Jahre darauf warte – die Kandidat_innen gibts auch – sondern einfach, dass es noch eine Weile dauern wird.

    Ich meine aber, dass es blödsinnig ist den Kampf gegen das grosse Ganze von dem Kampf darum, in diesen Verhältnissen klarzukommen total trennen zu wollen, in revolutionären Organisierungen muss beides Platz haben (keine Ahnung, ob du mir da widersprichst, ich wollte nur meinen Punkt nochmal klären).

    Dass Antifa einer der ganz wenigen praktischen linksradikalen Ansätze ist, hat m.E. nach neben den inhaltlichen Gründen (Nazis sind unglablich leicht Scheisse zu finden) auch ganz praktische: Die radikale Linke ist derzeit zu marginal, um im Alltag richtig Interventionsfähig zu sein: In Betrieb, Schule oder Massnahme bist du fast immer der_die einzige linksradikale, und damit fällt es schwer was zu reissen. Unis sind so ein Feld, wo manchmal noch eine kritische Masse an linken zusammenkommt um irgendwie Handlungsfähig zu sein.
    Damit kann eine effektive Praxis am ehesten nach dem Feiereabend klappen, wo die ganzen trennenden Mechanismen nicht mehr so greifen.
    Damit ist die Schwerpunktsetzung auf „Wochenendtaugliche Themen“ wie Nazis oder Gipfel auch Ausdruck einer politischen Schwäche, und müsste tatsächlich öfters so bennant werden.

    Was auch bei vielen Antifagruppen hinten runter fällt ist, da stimmst du mir wahrscheinlich zu, eine Bestimmung was gerade die drängendsten Probleme so sind, die mensch mal angehen sollte, und da sind Nazis nicht überall die Nr. 1.
    Staatlicher und Alltagsrassismus werden noch manchmal mitthematisiert (häufig ohne praktische Konsequenz), und das wars auch oft schon.

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